Ausgabe 2/2001, S.6
Hier etwas aus der Rubrik ›Unglaublich, aber wahr‹ zu den Ereignissen im Wendland vom letzen Castor-Transport:
"Eines Abends brach der übliche Spähtrupp aus dem Camp Schmessau auf, um mal an der Bahnstrecke "nach dem Rechten" zu sehen. Es sollte Richtung Oldendorf, in der Nähe der Göhrde gehen. Die letzen Tage waren anstrengend, wir hatten schon etliche Schikanen durch die Polizei erfahren, also mal sehen, was uns als nächstes erwartet. Das Motorradgrüppchen war diesmal ziemlich groß geworden und setzte sich wie üblich aus ›IDAS‹ und ›Kuhle Wampe‹ zusammen.
In der Nähe von Oldendorf sollte es etwas näher an die Schienen herangehen. Wir wussten, dass die Polizei hier etwas fickeriger wurde, denn alle der 56 Bahnübergänge auf der Strecke zwischen Lüneburg und Dannenberg waren schon seit Wochen von den "Schergen" besetzt. So empfand das im übrigen auch die einheimische Bevölkerung - als Besetzung. Dafür gab es sichere Anzeichen, die unschwer nachzuvollziehen waren: Als wir Samstag im Wendland auf der Essowiese ankamen, wir standen neben dem ›Nordzelt‹ dass als Schlafzelt diente, gesellte sich ein älteres Ehepaar zu uns. "Wir wohnen ja noch nicht so lange hier, erst seit 9 1/2 Jahren, aber so etwas haben wir noch nicht erlebt, wir kommen ursprünglich aus dem Rheinland." Dann sagte der Mann, das ihn das doch an eine schlimme Zeit erinnere, nämlich an das Dritte Reich, dann fing er an zu weinen und entschuldigte sich. Sie wünschten uns viel Glück. Ähnliche Szenen wiederholten sich im Kontakt mit älteren Menschen aus dem Wendland.
Aber zurück zu den Blues-Brothers. 50 Meter beiderseitig der Schienen galt ein "Demonstrationsverbot", am heutigen Tage nicht nur für Spontandemos, sondern auch für angemeldete Demonstrationen. Das tat aber auch nichts zur Sache, denn die Polizei tat seit geraumer Zeit sowieso, was sie wollte: sie knastete Menschen eine, die sich über einen Kilometer von der Schiene entfernt aufhielten, bloß weil sie (bei minus 5 °C) "vermummt" waren, wollte Privatwohnungen durchsuchen, in dem sich mehr als zehn Personen aufhielten, verweigerte Bauern, mit ihrem Trecker vom eigenen Hof zu fahren, kugelte 15-jährigen Treckerfahrern den Arm aus, etc.
Als man nun bei hereinbrechender Dunkelheit in respektablen Abstand den Schienen entlang fuhr, tauchten urplötzlich zwei Polizeikolonnen auf, die die Gruppe sogleich auf eine Ackerfläche trieben. Da kannten wir nun schon, auch [B-HÖRNCHEN], der mit der Goldwing immer seine besondere Freude daran hatte. Eine wilde Jagd entbrannte; keiner wusste genau warum, aber die Situation nahm Dimensionen an! Die Bullen ›tillten‹ total aus und fingen langsam an, dabei ihre eigenen Fahrzeuge zu schrotten. Zwei Bullis stießen zusammen, alle rasten im Affenzahn über den Acker, allen voran ein Gespann und die Enduros. Den Straßenfahrern wurde schnell klar, dass sie hier nicht ohne weiteres entkommen konnten. Das Gespann brüllte! Zweiter Gang, Vollgas und direkt auf die Polizei zu Das musste ungeheuren Eindruck gemacht haben (Geräuschkulisse), den [A-HÖRNCHEN] war der einzige, der einfach so entkommen konnte. Die Bullen spritzten nur so zur Seite.
Zwei anderen erging es schon nicht mehr so glimpflich. Sie hatten richtig "scharfe" Bullen auf der Pelle, bei denen sie wohl den puren Jagdtrieb geweckt hatten. Wäre [C-HÖRNCHEN] an der einen Stelle nicht mittels eines riskanten Manövers davon gekommen, hätte ihn der "Streifenwagen" voll erwischt. Der Wagen fuhr mit Karacho in eine Böschung und war ziemlich demoliert. [C-HÖRNCHEN] und [Y-HÖRNCHEN] waren allerdings in eine Enge getrieben. Für [C-HÖRNCHEN] blieb nur noch der steile Weg den Hang hinauf - und es klappte! [Y-HÖRNCHEN] hatte eine andere Idee; die Abkürzung führte quer über die Motorhaube des havarierten Bullenwagen! Doch damit war es noch nicht vorbei. Die beiden flohen weiter per Motorrad, verstecken diese aber bald, als der Suchhubschrauber (Es waren 94 (!) Stück im Einsatz) mit seinem hellen Xenon-Scheinwerfer die Nacht zum Tag machte. Sie kamen später zu Fuß ins Camp und konnten eine echte ›Blues-Brother-Story‹ zum besten geben. [A-HÖRNCHEN] war natürlich als erstes da, nachdem er eine spektakuläre Strecke durch den Wald hinter sich gebracht hatte...
Und die anderen? Sie wurden auf dem Acker festgesetzt. Derweil lief über den Idymedia-News-Ticker die Meldung: +++30 Motorradfahrer von der Polizei verhaftet, Motorräder beschlagnahmt+++) Das stimmte allerdings nicht ganz - zum Glück! Sie wurden auf dem Acker von dem für wendländische Verhältnisse üblichen, überdimensionierten Bullenaufgebot umzingelt. Man beklagte die Havarie von circa 5 (!) Polizeifahrzeugen und wollte das der Motorradgruppe anfänglich anhängen. Nur, was konnten die dafür, wenn (Osnabrücker) Bullen durchdrehen? Das mussten sie dann auch einsehen, denn es gab keine Spuren an den Motorrädern, die auf Kontakt mit grün-weiß hindeuteten. Ja dann, dann wolle man wenigstens Polaroid-Fotos von den Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer machen. Nur warum? Dann fiel endlich einem Bullen ein, dass man doch den sehr beliebten Platzverweis aussprechen könnte, dann dürfte man auch Fotos machen, immer ›Mann und Maschine‹ auf einem Bild. So geschah es dann auch. Anschließend wurden die Maschinen stillgelegt, "um schlimmeres zu verhüten" (auch darüber existiert neuerdings das ›Treckerreifenurteil‹, das auf den Castortransport 1997 zurückgeht. Damals zerstachen BGSler über 80 Treckerreifen bei einer Blockadeaktion der bäuerlichen Notgemeinschaft) Sie durften sich wenigstens selber die Luft aus den Reifen lassen, anschließend entfernte die Polizei noch die Zündkerzenstecker. Auf die Frage nach einer Quittung für diesen offiziellen Diebstahl, mussten Sie wieder nachdenken "Ja, die können Sie sich wieder in Lüneburg abholen, Quittung kommt gleich." Doch sie kam nicht. Begründung: Man habe gerade "einen dringenden Einsatzbefehl" bekommen und müsse jetzt ganz schnell los.
Was der "dringende Einsatz" war, sah die Motorradgruppe genau eine halbe Stunde später (solange dauerte das Fittmachen der Motorräder). Winkend fuhren Sie an den Osnabrücker Bullen vorbei, die gerade in der Göhrde wichtig mit ›Essen fassen‹ beschäftigt waren und angesichts der Motorradkolonne etwas uncool aus der Wäsche guckten!
Gleich als die Bullen abgezogen war, kamen einige Einheimische zur Hilfe. Der eine hatte einen Kompressor, der andere eine Fußluftpumpe... und die Kerzenstecker waren auch schnell ersetzt."
Spaßig war auch die Aktion "Wir holen uns unsere Kerzenstecker zurück", die unter Anwesenheit von vielen, vielen Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer im Lüchower Polizeirevier spielte... Die Fortsetzung der Episode, hoffentlich im letzen Akt, folgt demnächst im Oktober zu gewohnter Zeit am gewohnten Ort.
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